Trennungskinder und ihre Wahrnehmung vom Geliebtwerden.
Ich habe mir bereits viele Male Gedanken darüber gemacht, wie es einem Kind geht, das nach der Trennung von einem Elternteil zwar diverse Liebesbekundungen erhält (Der Klassiker darunter: “Ich liebe dich über alles”), auf der anderen Seite allerdings von demselben Elternteil verdeutlicht bekommt (auf der nonverbalen Ebene, also durch das Verhalten, Mimik, Gestik, Stimmlage), dass diese Liebe doch ganz deutliche Grenzen hat, die dort beginnen, wo der andere Elternteil ins Spiel kommt. Sei es durch eine Erwähnung des Kindes, ein von dem anderen Elternteil mitgebrachtes Spielzeug oder auch eine Zeichnung, auf der das Kind seine Familie darstellt und den Elternteil darauf verewigt.

Die Ambiguitätstoleranz ist eine wichtige Kompetenz der Eltern, um Trennungskindern das Gefühl der Sicherheit und der bedingungslosen Liebe zu geben.
Doppelbotschaften können verunsichern.
Ein kleines Mädchen trägt ein zerbrochenes Herz in den Händen und schaut die betrachtende Person fragend an. Der Cartoon soll eine Situation darstellen, in der ein Elternteil zu dem Kind sagt, dass er/sie es über alles lieben würde. Das Kind spürt jedoch, dass da etwas mitschwingt, was sich in diesem Moment nicht richtig oder eben nicht vollständig gut anfühlt. Ein unangenehmer Beigeschmack eben. In der Psychologie wird eine solche Botschaft als Double Bind oder Doppelbotschaft bezeichnet. Mehr darüber erfahren Sie hier: Double-Bind-Hypothese bei Stangl – Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik und in meinem Artikel: “Doppelbotschaften als Werkzeug der Eltern-Kind-Entfremdung”
Die Sprechblase drückt das aus, was das Kind in diesem Moment möglicherweise empfindet:
“Du sagst, du liebst mich? Nein. Solange du meinen anderen Elternteil ablehnst, aus dem ich entstanden bin, liebst du nur deine Hälfte an mir. Nicht MICH.”
Mehr noch: Es handelt sich um emotionale Misshandlung des Kindes und eine besonders perfide Form der Manipulation.
Wie gehe ich vor, wenn ich merke, dass ich meine/n Ex beim besten Willen nicht mögen kann?
Das Gegenteil von Liebe ist nicht der Hass. Vielmehr sind Liebe und Hass zwei emotionale Anteile auf einer Seite der Medaille. Auf der anderen Seite der Medaille befindet sich die Gleichgültigkeit oder, schöner ausgedrückt, die Neutralität. Wenn es nicht anders geht, betrachten Sie ihre/n Ex als eine/n Fremde/n, dem/der sie völlig neutral gegenüber stehen.
Weder freundlich, noch ablehnend.
Damit diese neutrale Haltung gelingt, hilft oft als Einstieg der folgende Gedanke: Das Kind existiert nur, weil es den oder die Andere gibt und weil es, zumindest im Moment der Zeugung, ein “wir” für uns gab. Das Kind besteht zu 50% aus dem genetischen Material dieser anderen Person. Dem Kind zu vermitteln: “Ich hasse deinen Vater/Mutter und alles, was ihn/sie ausmacht, ABER ich ermögliche und erlaube es dir, diese Person zu lieben” genügt nicht, damit das Kind es sich selbst erlaubt. Das ist noch keine neutrale Haltung, die dem Kind auch erlaubt, beide Anteile seiner Identitäten als liebesnwert zu betrachten. Mehr noch: Es ist nach meiner Erfahrung eben eine klassische Doppelbotschaft, die dazu führen kann, dass später vor Gericht typischerweise angegeben wird: “Ich tue ja schon alles, um den Umgang zu fördern, aber das Kind will den Vater/die Mutter von selbst nicht sehen”. Im Grunde ist dieser Satz eine Erklärung der eigenen Erziehungsunfähigkeit. Mein Tipp: Sie sprechen ihn am besten gar nicht aus.
Ihre Qualität als Elternteil können Sie vielmehr unter Beweis stellen, indem Sie in ihrer Trennungssituation mittels einer neutralen Haltung eine authentische Ambiguitätstoleranz ausbilden, d.h. einer Kompetenz, welche die gleichzeitige Existenz gegensätzlicher respektive widersprüchlicher Sachverhalte zulässt. Und aushält.